Die Lehren aus der Pleite von Lehman Brothers

Gemeinsame Forschungskonferenz von Institute for Banking and Financial History, House of Finance und SAFE zu „Lehman – 10 years after“ an der Goethe Universität

Lehman Brothers – wie kaum ein anderer ist der Name der ehemaligen US-Investmentbank, die im September 2008 Insolvenz beantragte, mit der Finanzkrise verknüpft. Mehr als 25.000 Angestellte verloren ihren Job, der Schaden der Insolvenz betrug viele Milliarden US-Dollar. Noch gravierender aber waren die Folgen der Pleite: Die Finanzmarktkrise verschärfte sich, weltweit taumelten Aktienkurse in die Tiefe, das Vertrauen in die Märkte und das der Banken untereinander war erschüttert. Warum konnte die Pleite einer verhältnismäßig kleinen Bank solche Folgen nach sich ziehen? Welche Lehren sind aus der größten Finanz- und Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen worden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Konferenz „Lehman – 10 Years After“, die das Institute for Banking and Financial History (IBF) und das House of Finance gemeinsam mit dem Forschungszentrum SAFE an der Goethe Universität in Frankfurt Anfang Juni veranstaltet hat.

Harold James von der Princeton University, der in diesem Jahr die Gastprofessur für Finanzgeschichte am House of Finance übernommen hat, eröffnete die Konferenz mit einer historischen Einordnung der Lehman-Pleite. Diese habe gezeigt, dass auch verhältnismäßig kleine Ereignisse große Wirkungen haben können. Tatsächlich sei weniger die Größe von Lehman Brothers entscheidend gewesen, sondern vielmehr die rechtliche wie finanzielle Komplexität der Investmentbank. Diese habe im Krisenfall eine angemessene Bewertung unmöglich gemacht, sagte James.  In den USA und in Europa sei die Insolvenz unterschiedlich interpretiert worden: In den USA sei als Reaktion das Troubled Asset Relief Program (TARP) aufgelegt worden, um in Schieflage geratene Kreditinstitute zu stützen. In Europa sei dagegen die zentrale Schlussfolgerung eine andere gewesen: „Nämlich, dass keine Insolvenz eines Mitgliedstaats zugelassen werden kann, die sich zu einem zweiten Lehman-Brothers entwickeln könnte“, sagte James.

Der Wirtschaftshistoriker fügte an, dass es in der Öffentlichkeit drei wesentliche Narrative über die Lehman-Pleite gegeben habe. Erstens sei die Pleite ein so genannter „Minsky-moment“ gewesen. Diese Phase, benannt nach dem Ökonomen Hyman P. Minsky, bezeichnet den Moment einer Krise, wenn Kreditgeber ihre Kreditvergabe so stark zurückfahren, dass auch eigentlich solide Geldhäuser in Schwierigkeiten geraten – eine Situation, die staatliche Eingriffe zwingend macht. Zweitens sei die Lehman-Pleite stets in Verbindung mit der Großen Depression der 1930er Jahre gebracht worden. Die dritte Interpretation stellt dagegen auf die geopolitische Wirkung ab: Nach dieser Interpretation haben die USA ihren Status als Supermacht im globalen Finanzsystem verloren.

James sagte, dass er nur mit der dritten Sichtweise übereinstimme. „Die Pleite von Lehman Brothers zog eine gewaltige Verschiebung von wirtschaftlicher Macht nach sich“, sagte James. Auch sei der Aufstieg populistischer Bewegungen in vielen Ländern eine Reaktion auf die Wirtschafts- und Finanzkrise. Mit Blick auf die USA und Großbritannien sagte James, dass sich Populisten durch ein Misstrauen gegen Experten und den Kampf gegen die internationale Vernetzung auszeichnen würden. „Es geht ihnen um die Zerschlagung eines Systems, das sie für zu komplex und gefährlich halten“, sagte James.

Zu wenig Finanzkompetenz in den Aufsichtsräten

Jörg Rocholl, Professor für Finance und Präsident der European School of Management and Technology, sprach in seinem Vortrag über die Subprime Krise von 2007 als einem Vorläufer der Lehman-Pleite. Er erinnerte an ein Übereinkommen der EU-Kommission und der deutschen Regierung aus dem Jahr 2001, wonach diese den Landesbanken nach einer Übergangsfrist von vier Jahren keine Garantien mehr gewähren sollte. Tatsächlich hatte diese Entscheidung den nicht beabsichtigten Effekt, so Rocholl, dass die Landesbanken ihre Bilanzsummen zunächst stark ausweiteten, Bonds anderer Landesbanken kauften und sich auf die Suche nach Investments mit hoher Rendite machten. Auf diese Weise floss viel Kapital in die USA, sagte Rocholl. Gleichzeitig waren dort neue, komplexe Finanzierungsinstrumente entstanden, die von den Rating-Agenturen mit großer Mehrheit sehr gute Bewertungen erhielten. Als Folge waren insbesondere die Landesbanken stark im US-Subprime-Markt engagiert.

Eine Rolle für die Entwicklung der Krise spielte auch die Corporate Governance: „Es gab zu wenig Kompetenz in den Aufsichtsräten“, sagte Rocholl. So sei gerade Lehman Brothers ein Beispiel für ein Board gewesen, das zwar hohe Diversität aufwies, aber nur geringe Finanz-Expertise. Dies lasse sich ebenfalls für die Landesbanken nachweisen, so Rocholl: Deren Aufsichtsräte  seien signifikant schlechter aufgestellt gewesen mit Blick auf die Finanzkompetenz, als jene von Privatbanken.

Weshalb die noch relativ überschaubaren Verluste im US-Subprime-Markt letztlich für eine historische Wirtschafts- und Finanzkrise sorgten, hängt aus der Sicht von Rocholl damit zusammen, dass es sich um eine durch Verschuldung und nicht durch Eigenkapital angetriebene Blase gehandelt habe. Diese würden die Finanzstabilität weitaus stärker gefährden, sagte Rocholl.

Makrofinanzielle Verbindungen von großer Bedeutung

Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann von der Universität Zürich verglich in seinem Vortrag die Große Depression in den USA von 1929 bis 1933 mit der Wirtschafts- und Finanzkrise in Kontinentaleuropa in den Jahren 2007 bis 2012. „Die Unterschiede zwischen diesen Krisen sind auf den ersten Blick gewaltig, aber wenn man genauer hinsieht, gibt es Gemeinsamkeiten“, sagte Straumann. Diese bestehen aus seiner Sicht insbesondere in den makrofinanziellen Verbindungen zwischen Realwirtschaft und Finanzsektor. Auf diesen Weise können Schocks im Finanzsektor sich auf die Realwirtschaft auswirken, und umgekehrt. „Die wichtigste Lehre ist, dass diese makrofinanziellen Verbindungen viel wichtiger sind, als wir gedacht haben“, sagte Straumann.

Tamim Bayoumi vom Internationalen Währungsfonds analysierte danach in seinem Vortrag die Reaktion der Bankenregulierung nach der Wirtschafts- und Finanzkrise in den USA und im Euroraum. Vor der Krise sei der Bankenmarkt in den USA unterreguliert gewesen. In den USA sei dies erkannt und entsprechend gehandelt worden, etwa durch Stresstests und höhere Eigenkapitalanforderungen.   „Die Reformen nach der Krise waren wirkungsvoll“, sagte Bayoumi. In der Folge schrumpfte der US-Bankenmarkt, aber die Kreditinstitute seien immer noch sehr groß. Mit Blick auf den Euroraum sagte er, dass Mega-Banken vor der Krise ihre internen Risikomodelle manipuliert und so weniger Eigenkapital als nötig vorgehalten hätten. Heute liege die Verschuldungsquote  in einem akzeptablen Bereich, aber es gebe noch Probleme, etwa bei den Geschäftsmodellen der Banken oder der schieren Größe der Kreditinstitute. Noch immer sei „too-big-to-fail“ ein Problem. Dies müsse auf europäischer Ebene angegangen werden: „Das Problem ist, dass die Zuständigkeiten noch immer auf nationaler Ebene liegen“, sagte Bayoumi.

Aurel Schubert von der Europäischen Zentralbank sprach über die Ziele und Aktivitäten der makroprudenziellen Politik nach der Krise, die die Stabilität des Finanzsystems überwachen und sichern soll. Schubert erinnerte daran, dass die G20-Staaten den Finanzstabilitätsrat gegründet haben, um Finanzakteure widerstandsfähiger zu machen und das too-big-to-fail-Problem zu lösen. Bisher sei die makroprudenzielle Politik sehr aktiv, aber vor allem auf den Bankensektor konzentriert. Noch gebe es Lücken, etwa im Bereich der Daten zu Immobilienmärkten oder der Schattenbanken. „Die Geschichte wird zeigen, ob das bisher Erreichte genug ist“, sagte Schubert.