Handelsblatt: Warum es Top-Ökonomen nach Frankfurt zieht

Stefan Gerlach ist Schwede, Ester Faia Italienerin, Michael Haliassos Grieche. Ihre Kollegen Thomas Laubach, Guido Friebel, Hans-Theo Normann und Stefan Klonner haben zuvor in Washington, Toulouse, London und Cornell gearbeitet. Heute haben sie alle dieselbe Anschrift: Goethe-Universität, Grüneburgplatz 1, Frankfurt am Main.

Wie keine andere deutsche Ökonomie-Fakultät hat Frankfurt in den vergangenen Jahren Wissenschaftler aus dem Ausland angeworben. Was anderen bislang nur in Einzelfällen gelingt, schaffen die Hessen in Serie. Dabei buhlen alle deutschen Top-Fakultäten für VWL um die mehr als 140 deutschen Hochschulvolkswirte, die im Ausland tätig sind. Denn in der Fremde sind vor allem die forschungsstarken Wissenschaftler aktiv, zeigt das Handelsblatt-Ranking Volkswirtschaftslehre. Von den hundert forschungsstärksten deutschen Volkswirten unter 45 Jahren arbeitet nur jeder zweite in seiner Heimat.

Die Frankfurter Volkswirte konnten in den letzten Jahren 16 Ökonomen aus dem Ausland von sich überzeugen ? zuletzt das auch von Köln und Berlin umworbene Ökonomenpaar Nicola Fuchs-Schündeln und Matthias Schündeln, die beide vorher in Harvard forschten. "In Frankfurt", sagt Matthias Schündeln, "herrscht Aufbruchstimmung."

Zu den Geheimnissen des Erfolges zählen mehr Geld und bessere Organisationsstrukturen als in fast allen anderen deutschen Unis. Seit dem vergangenen Jahr ist die Frankfurter Hochschule eine Stiftungsuniversität, aus der sich der Staat weitgehend heraushält. "Wir können schneller entscheiden, insbesondere bei der Berufung von Professoren", sagt Rainer Klump, Vizepräsident der Uni und zuvor lange Dekan des wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichs. Weniger Verwaltungsschleifen seien nötig, Berufungsverfahren wurden sogar schon in nur drei Monaten abgeschlossen. Zudem kann eine Stiftungsuni leichter Gelder von privaten Förderern anwerben.

Diese Marschrichtung hatte der ehemalige Universitätspräsident Rudolf Steinbergausgegeben: In seiner Amtszeit von 2000 bis 2008 sammelte er 120 Millionen Euro Stiftungs- und Privatmittel. Rund 50 Stiftungs- und Stiftungsgastprofessuren hat die Uni damit eingerichtet, 13 sind mit Ökonomen besetzt. So finanziert etwa die Bundesbank seit 2006 die Lehrstühle von Roman Inderst und Stefan Gerlach, die Schweizer Großbank UBS die von Holger Kraft und Lars Schweizer, die Frankfurter Messe den von Matthias Schündeln. Sie alle arbeiten bereits auf dem neuen Campus im Frankfurter Westend. Die Universität gibt ihre alten Gebäude in der Frankfurter Innenstadt nach und nach auf und zieht um - mitten im Grünen entsteht hinter dem einstigen IG Farben-Haus und direkt angrenzend an den prächtigen Grüneburgpark ein schicker Campus.

Die hessische Landesregierung hat der Hochschule 20 Millionen Euro Unterstützung zukommen lassen, außerdem sind weitere 50 Millionen Euro aus dem Erlös der alten Universitätsgrundstücke versprochen - vorausgesetzt, die Hochschule selbst wirbt weitere 50 Millionen ein. Dieses Ziel ist allerdings laut Uni "nahezu erreicht". 2007 erhielt die Uni zudem eine Spende in Höhe von 32 Millionen Euro aus dem Erbe des Frankfurter Privatbankiers Alfons Kassel und seiner Ehefrau Gertrud.

Dank des Geldes und der flexiblen Organisationsstruktur kann die Uni Spitzenforschern wettbewerbsfähige Gehälter zahlen und Zugeständnisse bei den Lehrverpflichtungen machen - ein wichtiger Wettbewerbsvorteil, müssen doch Professoren in Deutschland normalerweise weit mehr Vorlesungen und Seminare halten als ihre Kollegen an guten ausländischen Unis. Auch die Nähe zu Institutionen wie der Europäischen Zentralbank, der Bundesbank und den Zentralen der Privatbanken macht die Hochschule für ehrgeizige Volkswirte attraktiv.

All diese Faktoren haben einen sich selbst verstärkenden Kreislauf in Gang gesetzt, in dem Roman Inderst eine wichtige Rolle spielt. Der mit Abstand forschungsstärkste deutsche Volkswirt seiner Generation wechselte 2006 von der London School of Economics an den Main. "Dass sich Kollegen wie Inderst für Frankfurt entscheiden, zeigte mir, welch hohen Stellenwert Forschung in der Uni genießt", sagt Michael Kosfeld, der aus Zürich kam. Und Thomas Laubach, der 2008 aus dem Forscherstab der Federal Reserve nach Frankfurt wechselte, meint: "Wenn eine kritische Masse bereits erreicht ist, wird die Entscheidung automatisch leichter."

Die Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler haben viele Tabus gebrochen - zum Beispiel auch die sonst oft eiserne Trennung zwischen Volks- und Betriebswirtschaftslehre. So hat der auf experimentelle Wirtschaftsforschung spezialisierte Volkswirt Michael Kosfeld formal eine BWL-Stelle. Er gehört der Abteilung Management und angewandte Mikroökonomie an, die betriebs- und volkswirtschaftliche Themen und Methoden kombiniert. So, wie es an USBusiness Schools üblich ist.

Die alten deutschen Lehrstuhl-Strukturen hat die neue Abteilung gleich mit beerdigt: Die acht Professoren arbeiten an gemeinsamen Projekten, teilen sich die Sekretariate und kümmern sich zusammen um ihre Doktoranden. "Die Departmentstruktur war für mich ein wesentliches Argument pro Frankfurt", sagt der Experimentalökonom Hans-Theo Normann, der von der Royal Holloway University of London nach Frankfurt wechselte. Einen Anachronismus des deutschen Hochschulrechts konnte allerdings auch Frankfurt noch nicht überwinden. Professoren werden nach wie vor als staatliche Beamte eingestellt. Für ausländische Forscher, die nur für einige Jahre kommen wollen, ist das unattraktiv - vor allem, weil sie ihre in Deutschland erworbenen Pensionsansprüche nicht ohne weiteres mitnehmen können.

Auf dem Papier gibt es zwar inzwischen die Möglichkeit, Professor in einem Angestelltenverhältnis zu werden. "Das ist aber letztlich nur eine theoretische Alternative", sagt Laubach. Ihm habe keiner ausrechnen können, was er als Angestellter verdienen würde. "Wenn die Verhältnisse der deutschen Verwaltung so undurchschaubar bleiben, werden wir kaum Ausländer für ein paar Jahre herlocken können", sagt er skeptisch.

Bisher kommen aus dem Ausland fast ausschließlich Deutsche, die nach einigen Jahren in der Ferne meist aus familiären Gründen wieder in die alte Heimat ziehen wollen. So wie Stefan Klonner, der seit 2007 in Frankfurt arbeitet: "Die Rückkehr war ein Deal mit meiner Ehefrau", sagt der Entwicklungsökonom. Nach mehreren Jahren im Ausland wollte sie wieder zurück nach Deutschland.

Der erste Volkswirt, der aus dem Ausland an die Universität Frankfurt wechselte, war Volker Wieland im Jahr 2000 - der Makroökonom war vorher im Forscherstab der US-Notenbank Federal Reserve tätig. Wieland lockte vor allem die Nähe zur EZB. "Meinen Entschluss, nach Frankfurt zu gehen, hat bei der Fed damals keiner nachvollziehen können", erinnert er sich. Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Internationale Top-Adressen sehen sich sehr genau die Frankfurter Volkswirte an. Die University of Pennsylvania zum Beispiel, die auf dem Gebiet der Makroökonomie zu den besten Adressen der Welt gehört. Sie warb vor drei Jahren kurzerhand den Frankfurter Makroprofessor Dirk Krüger ab.

Quelle: www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/warum-es-top-oekonomen-nach-frankfurt-zieht;2338756

 
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