Auf dem Weg zur Klimaneutralität
10 Jahre nach dem Inkrafttreten des Pariser Klimaschutzabkommens zog das House of Finance in einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Nachhaltigkeitsbüro der Goethe-Universität sowie dem Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE Zwischenbilanz. Die Podiumsdiskussion am 19. Juni 2026, an der Ralf Eckert, Managing Partner Financial Services von EY Deutschland, Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Florian Heeb, Assistant Professor bei SAFE und UniCredit Foundation Fellow, sowie Moderator Detlef Fechtner, Politischer Chefreporter der Börsen-Zeitung mitwirkten, war zugleich Auftakt einer im House of Finance gezeigten immersiven Video-Installation. Studierende, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie die interessierte Öffentlichkeit konnten sich hier einmal anders mit der Bedeutung heutiger klimapolitischer Entscheidungen auseinandersetzen. So appelliert die von EY zur Verfügung gestellte, wissenschaftlich fundierte Video-Installation in vier klimapolitischen Szenarien aus der Perspektive des Jahres 2055 auf emotionale Weise an die Verantwortung der heute Handelnden – ein eindrücklicher Impuls, wie die zahlreichen Besucherinnen und Besucher der Installation bekräftigten und die zugleich nachdenklichen und lebhaften Gesprächsrunden im Nachgang des Ausstellungsbesuchs dokumentierten.
Wie Klimaneutralität erreicht werden kann und welche Rolle der Kapitalmarkt dabei spielen kann, ist, so betonte auch die Podiumsdiskussion, Gegenstand intensiver Forschung und politischer Debatten. Das Streben nach dem optimalen regulatorischen Rahmen dürfe aber nicht zum Hemmschuh der Transformation werden. „Wir sind zu langsam“, so betonte Eckert.
Nachhaltigkeitsregulierung wie die EU-Richtlinie zur Unternehmensberichterstattung oder die EU-Taxonomie ist wichtig, schafft Transparenz, bewirke aber keine Transformation, so hoben die Experten hervor. Zugleich belasten die Berichtspflichten aus Sicht von Schumacher vor allem kleine und mittlere Unternehmen. Bei diesem Thema schlagen deshalb „zwei Herzen in meiner Brust“, sagte er.
Ein weiterer Aspekt sind Qualität und Vergleichbarkeit der Daten bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Heeb hob hervor, dass eine Standardisierung aufgrund branchenspezifischer Unterschiede schwierig ist. Besonders schwierig ist auch die Messung anderer Nachhaltigkeitsaspekte als des CO₂-Ausstoßes: Die Auswirkungen von Unternehmen auf die Biodiversität zu messen sei etwa um den Faktor 80 komplexer.
Damit der Finanzmarkt stärkere Impulse für die Transformation geben kann, müsse klar sein, wo Kapital fehlt und wo es die größte Wirkung entfalten kann. Eine solche zielgenaue Analyse sei in der Praxis allerdings „gar nicht so einfach“, sagte Heeb, wäre aber enorm hilfreich: Denn die Bereitschaft vieler Investorinnen und Investoren, Kapital gezielt zur Unterstützung der grünen Transformation einzusetzen, sei auch dann vorhanden, wenn dies geringere Renditen zur Folge hätte.
Wie sich Kapitalströme infolge der Transformation künftig verändern könnten, ist derzeit noch offen. Heeb verwies auf wissenschaftliche Erkenntnisse, wonach CO₂-intensive („braune“) Vermögenswerte zunehmend von streng regulierten Banken zu weniger regulierten Finanzintermediären wie Nichtbanken verlagert werden. Eine entscheidende Frage ist deshalb, wie lange sich mit CO₂-intensiven Geschäftsmodellen noch Gewinne erzielen lassen. Ein gut ausgestalteter Emissionshandel könnte hier wichtige Preissignale setzen, indem er CO₂-Emissionen einen Preis gibt und damit emissionsintensive Geschäftsmodelle wirtschaftlich weniger attraktiv macht.