SAFE Finance Blog: International rekrutieren – die Chance für die Bafin

Nach Wirecard und Brexit kann die Neuausrichtung der deutschen Finanzmarktaufsicht gelingen, wenn die Behörde mit der richtigen Führungskraft aufgestellt wird.

 

Nach Monaten zehrender Untersuchung im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags sowie einer langen öffentlichen Debatte über die Leistungen der Finanzaufsicht in Deutschland muss man wohl feststellen, dass die Reputation der Bafin schwer beschädigt ist. Damit stehen wir nach dem soeben vollzogenen Brexit vor einer Herkulesaufgabe: Das Vertrauen internationaler Kapitalanleger, börsennotierter Unternehmen und potenzieller Emittenten muss unverzüglich neu aufgebaut werden – um dem wachsenden Zweifel an der Integrität des Kapitalmarktes in Deutschland entgegenzutreten und, noch anspruchsvoller, um mittelfristig einem aggressiven Londoner Kapitalmarkt effektvoll und vertrauensstark die Stirn bieten zu können. Wie kann das gelingen?

Der gerade veröffentlichte Sieben-Punkte-Plan zur Reformierung der Bafin geht zwar durchaus in die richtige Richtung – indes wird das Hauptproblem nicht angetastet: Die Behörde muss unabhängig werden und dann aus eigener Einsicht entscheiden, welche fachlichen Schwerpunkte für eine effektive Aufsicht gesetzt werden. Dazu gehört nicht nur eine Verbesserung der Jahresabschluss-Kompetenz. Von großer Bedeutung für eine wirksame Aufsicht ist auch ein tiefgehendes Verständnis der Finanzmärkte, die man beispielsweise kürzlich im Umgang mit Shortselling (Leerverkäufen) schmerzlich vermisst hat.

Der Auswahl des/der neuen Präsident*in kommt eine weltweit wahrgenommene Signalfunktion zu – sie zeigt, wie ernst es dem Bundesfinanzministerium ist, eine Neuausrichtung der bisher untergeordneten Behörde anzustoßen. Daher wird eine Persönlichkeit gesucht, die die internationale Finanzwelt unmittelbar beeindruckt. Im Anforderungsprofil ragen drei Eigenschaften heraus: Internationale Erfahrung, analytische Fähigkeit, unabhängige Führungspersönlichkeit.

Unabhängige Führungskräfte gibt es, sie müssen nur angesprochen und überzeugt werden

Erstens, sie verfügt über langjährige, einschlägige Erfahrungen an der vordersten Front des Kapitalmarktgeschehens, die sie in leitender Position im internationalen Geschäft bevorzugt bei den führenden Aufsichtsbehörden der Welt, in London oder New York, gesammelt hat. Diese Persönlichkeiten gibt es – sie müssen nur angesprochen und überzeugt werden, dass eine Bewerbung ernstgenommen wird.

Zweitens, sie ist Finanzökonom*in mit analytischer Schulung und einschlägigen Kenntnissen zu den Herausforderungen der Digitalisierung. Angesichts der sich rasch ändernden Finanzmärkte durch neue Technologien (Blockchain, Künstliche Intelligenz) und neue Marktteilnehmer (FinTechs, BigTechs, Data Cloud) ist die technologische Modernisierung der Bafin ein wichtiger Faktor, um die Behörde zukunftsorientiert auszurichten. Denn die operative Aufsicht muss mit der Digitalisierung der überwachten Unternehmen Schritt halten, um eine datenbasierte Aufsicht zu gewährleisten.

Drittens, sie ist eine überzeugende Führungspersönlichkeit, die den Reformprozess glaubwürdig nach innen und außen verkörpert. Der dringend erforderliche Kulturwandel in der Bafin kann nur gelingen, wenn der/die neue Präsident*in eine unabhängige Persönlichkeit ist, die ohne politische oder institutionelle Altlasten die Behörde modernisiert. Daher sollte sie weder aus der Bafin selbst noch aus einem Ministerium kommen.

Transparentes Auswahlverfahren für eine Bestenauslese

Eine derart international anerkannte Persönlichkeit, die keineswegs deutscher Staatsbürger sein muss, würde sehr schnell das Klima in der Behörde und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verändern. Es würde deutlich signalisiert, dass man von politisch verantwortlicher Stelle alle Anstrengungen unternimmt, zu einem hohen Weltstandard aufzuschließen.

Um eine Bestenauslese zu erreichen, sollte die Bundesregierung ein qualitativ hochwertiges und transparentes Auswahlverfahren durchführen, das etwa aus einer Fachauswahl durch ein Panel sowie einer öffentlichen Anhörung im Bundestag besteht. Die Stellenausschreibung erfolgt international und benennt das Anforderungsprofil.

Warum ist eine internationale Spitzenbesetzung für Europas größten Kapitalmarkt so wichtig? Die Antwort auf diese Frage folgt aus der aktuellen Umbruchssituation auf Europas Finanzmärkten: Die Integrität des Kapitalmarktes erfordert eine unparteiische Sicherung von Anlegerinteressen, eine gleiche Behandlung vom Emittenten und deren Interessensicherung sowie eine Ermöglichung fairen Handels von Finanzinstrumenten aller Art. Leitungspersonen sollten sich bereits vor Übernahme der Aufsichtsaufgabe eine einschlägige Reputation erarbeitet haben.

Die Vertrauensfrage verbindet sich eng mit der Frage der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit der Finanzplätze Europas: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass sich Deutschland gemeinsam mit seinen europäischen Nachbarn auf einen harten Kapitalmarkt-Brexit einstellen muss. „Hart“ meint hier, dass London seine neugewonnene Regulierungsfreiheit als Wettbewerbsvorteil ausnutzen wird und Kontinentaleuropa gut beraten wäre, alle Anstrengungen zu unternehmen, um in absehbarer Zeit in puncto Marktintegrität und -qualität auf britische Augenhöhe zu gelangen.


Volker Brühl ist Geschäftsführer des Center for Financial Studies.

Jan Pieter Krahnen ist wissenschaftlicher SAFE-Direktor und Professor für Finance an der Goethe-Universität Frankfurt.

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