Wie sich die Geldpolitik normalisieren lässt

Fabio Panetta, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), betont in einer SAFE-CEPR Policy Lecture, dass das mittelfristige Inflationsziel schrittweise erreicht werden soll

 

Angesichts mehrerer Krisen weltweit steigen nicht nur Inflationsraten, ebenso schießen Energiepreise in die Höhe und anhaltende geopolitische Konflikte lassen den Ruf nach einer Normalisierung der Geldpolitik der EZB lauter werden. In einer gemeinsamen Policy Lecture des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE und des Centre for European Policy Research am 25. Mai 2022, moderiert von SAFE-Direktor Jan Pieter Krahnen, betonte EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta die Bedeutung schrittweiser Maßnahmen zur Erreichung eines mittelfristigen Inflationsziels von zwei Prozent.

Panetta zufolge befindet sich die Eurozone, im Gegensatz zu anderen Industrieländern, in einer schwierigen Situation. Zusätzlich zu den globalen Versorgungsengpässen im Zuge der Corona-Pandemie führe ein Krieg vor der eigenen Haustür zu einem enormen Anstieg der Energiepreise. „Durch diese Situation entsteht ein Aufwärtsdruck auf die kurzfristige Inflation, was wiederum die Erholung nach der Pandemie beeinträchtigt“, so Panetta.

Um die Wirtschaft der Eurozone zu stärken, schlug der EZB-Direktor eine Normalisierung der Geldpolitik vor. Er wies jedoch darauf hin, dass die Normalisierung sorgfältig justiert werden müsse. Aus seiner Sicht tritt der Normalisierungsprozess ein, wenn die Zentralbank ihre politischen Parameter anpasst, um ihr mittelfristiges Ziel – die Erreichung einer Inflationsrate von zwei Prozent bis 2024 – zu gewährleisten. In seiner Rede wies Fabio Panetta darauf hin, dass drei Unterscheidungen bei einer Normalisierung der Geldpolitik notwendig seien.

Erstens könne „Normalisierung“ nicht als neutraler politischer Kurs definiert werden, der eintritt, wenn die Geldpolitik weder entgegenkommend noch im Widerspruch zur Wirtschaft steht. Ein neutraler Kurs ermögliche es der EZB, die Inflationsraten in der Nähe des angestrebten Ziels zu stabilisieren, wenn es keine temporären Schocks gebe, die Störungen verursachen könnten. „Dennoch befinden wir uns derzeit in einer Situation, in der die Wirtschaft von starken Schocks getroffen wird und ein hohes Maß an Unsicherheit herrscht“, argumentierte Panetta.

Zweitens wies Panetta darauf hin, dass der Normalisierungsprozess auf lange Sicht nicht anhand schwer beobachtbarer Referenzpunkte wie einem neutralen Zinssatz und einer optimalen Größe der Zentralbankbilanzen bewertet werden sollte. Aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit könnten diese Bezugspunkte nur als vage Wegweiser, nicht aber als Leitlinien für die Geldpolitik dienen. Nach Ansicht des EZB-Direktors muss als dritter Punkt berücksichtigt werden, dass die Normalisierung nicht nur den Einsatz unkonventioneller, sondern auch konventioneller Maßnahmen impliziert. Das Gleichgewicht zwischen diesen Maßnahmen bilde ein wichtiges Instrumentarium im Entscheidungsprozess der EZB, um die notwendigen geldpolitischen Schritte zu gehen, sodass das mittelfristige Inflationsziel von zwei Prozent erreicht werden könne.

Wie Panetta weiter erläuterte, gebe es verschiedene Möglichkeiten, wie die EZB ihr gestecktes Ziel bis 2024 erreichen könne, allerdings gestalte sich der Abstimmungsprozess innerhalb der Eurozone als äußerst komplex. Zwei notwendige Komponenten der Normalisierung müssten gegeneinander abgewogen werden, wobei es im ersten auf den stufenweisen Prozess ankomme. „Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen ist eine heutige schrittweise Normalisierung der Geldpolitik zentral für die Aussichten der Wirtschaftstätigkeit“, erklärte Panetta.

Zweitens trage Robustheit dazu bei, das schrittweise Tempo der Normalisierung zu bestimmen. Da die Weltwirtschaft mit vielen Angebotsschocks im Energiesektor, insbesondere aufgrund des Ukraine-Krieges und Null-Covid-Strategien in China, konfrontiert sei, erklärte Panetta, dass die beobachtbaren Störungen länger andauerten und sich verstärkten. Dies führe zu höheren Importkosten und steigenden Inflationsraten. Um die Geldpolitik zu normalisieren, müsse die EZB ihr Ziel daher vorausschauend anpassen und ausrichten. Dies könne erreicht werden, indem das Risiko einer Überkorrektur verringert werde, um eine schnellere Entscheidungsfindung zu ermöglichen, argumentierte Panetta. Daher müsse die EZB ihre Maßnahmen schrittweise und konsequent umsetzen, um das Inflationsziel von zwei Prozent bis 2024 zu erreichen.