Kreditanalyse in Zeiten des Wandels: Zum Nutzen interner und externer Ratings aus historischer und aktueller Perspektive

Wie aussagekräftig sind Credit Ratings? Sie haben sich über die Zeit bewährt, sollten aber nicht eigenständiges Denken und Analysieren der Investoren und Kreditgeber ersetzen
Dies betonte Jens Schmidt-Bürgel, der Geschäftsführer von Moody’s Deutschland, im Rahmen der Podiumsdiskussion des gemeinsamen Symposiums des Center for Financial Studies und des Instituts für Bank und Finanzgeschichte (IBF) am 27. Oktober 2021 in der Goethe-Universität Frankfurt, und führte zugleich aus, dass für die die Ratingagenturen das Vertrauen der Kunden und ihr guter Ruf wesentlich seien. Die Erwartungen an das, was Ratings leisten können, dürften jedoch nicht überzogen werden. Er betonte, dass Ratings den Status von Meinungen hätten und Nutzer von externen Ratings stets auch die zugehörigen Analysen lesen sollten. Matthias Danne, Mitglied des Vorstands der DekaBank, die Ratings in verschiedenen Zusammenhängen – als Emittent und als Anleger, vom Treasury bis hin zum Wertpapiergeschäft nutze, führte aus, dass Ratings für ein „Wohlgefühl“ bei Anlageentscheidungen sorgten und großes Vertrauen in die Einstufungen der Ratingagenturen bestehe. Es sei nicht vollständig klar, wie Ratingagenturen zu ihrem Urteil gelangten. Die Verdichtung von Ratingbewertungen auf ein Buchstabenkürzel bedeute zwar im letzten Schritt einen Verzicht auf Differenzierung, sei aber notwendig, um Kreditanalysen liquide zu machen. Senior Expert Hiltrud Thelen-Pischke, Steinbach, erinnerte daran, dass die Erfahrung in der Nutzung externer Ratings in Europa eine vergleichsweise kurze Historie habe und Banken in den 1980er Jahren gerade erst mit internen Ratings zu arbeiten begonnen hätten, als die Regulierung mit Basel II zunehmend auf externe Ratings setzte. In der Folge der globalen Finanzkrise tendiere die European Securities and Markets Authority ESMA dazu, die Abhängigkeit von externen Ratings wieder zu reduzieren. Wie bereits im Rahmen seines vorausgehenden Vortrags zu Ratings und Regulierung in Zeiten der Finanzkrise und Pandemie betonte Steffen Kern, Chefvolkswirt der ESMA, die Notwendigkeit, dass Ratingagenturen die Grundlagen ihrer Kreditwürdigkeitseinstufungen transparent machten. Darüber hinaus bekräftigte er, dass ein breites Angebot von Ratings dazu beitragen könne, zu einer fundierten Meinungsbildung zu gelangen, nachdem er zuvor ausgeführt hatte, dass 90 Prozent der Ratings von den drei führenden Rating Agenturen vergeben würden. In seinem Vortrag wies er darauf hin, dass erst mit der globalen Finanzkrise die Rating Agenturen als wichtige, aber auch problematische Marktakteure erkannt und das Kreditrating daraufhin einer Regulierung unterworfen worden sei, die von einer Qualitätsmessung der Ratings ausgehe. Ratings hätten sich in der durch die Covid19-Pandemie bedingten Krise bisher als zuverlässig erwiesen.
In seinem Kommentar schlug Jan Krahnen, Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE und Goethe-Universität Frankfurt, vor, die Annahme, dass die im Wesentlichen auf drei Anbieter konzentrierte Marktstruktur für Ratings problematisch sei, zu überprüfen und überhaupt die Regulierung methodisch zu hinterfragen. Er regte an, die Treffsicherheit der Ratings auch in langfristigen empirischen Studien zu prüfen.
Katja Langenbucher, Inhaberin des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht und Bankrecht an der Goethe-Universität Frankfurt sowie affilierte Professorin an SciencesPo, Paris, hielt eine Hinterfragung interner Kreditwürdigkeitsprüfungen von Banken bzw. ihrer Regulierung aus anderem Blickwinkel für notwendig. Sie führte aus, dass mit der zunehmenden Nutzung von KI bzw. Big Data in der Einstufung von Kreditnehmern, entweder durch die Nutzung wachsender eigener bzw. den Einkauf bankexterner Datenpools, und somit über Algorithmen, eine Vielzahl potenziell diskriminierender Informationen zum Tragen komme. Derzeit vom Gesetzgeber beabsichtigte Regulierungsansätze, die Kreditscoring mit KI-Einsatz zu den „Hochrisiko-KI-Systemen“ rechneten, seien jedoch unzulänglich bzw. stumpf, beispielsweise, weil grundlegende normative Fragen nicht geklärt seien und weil zu befürchten sei, dass mit einer Konzentration auf die Bankenaufsicht potenziell diskriminierend tätige Akteure wie Kreditauskunfteien außen vor blieben. Mark Wahrenburg, Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Goethe-Universität Frankfurt, verwies in seinem Kommentar darauf, dass die internen Ratingsysteme der Banken für die Öffentlichkeit eine Black Box seien und externes Credit Scoring bereits jetzt in die bankinternen Kreditwürdigkeitsprüfungen einfließe. Während er bezweifelte, dass algorithmisch basierte Machine Learning-Methoden zum jetzigen Zeitpunkt bereits eine nennenswerte Rolle spielten, wies er nicht zuletzt auf das Problem hin, dass sich KI basierte Bewertungsverfahren den Anforderungen an Transparenz entzögen, da sie nicht „explainable“ seien. Zu rechnen sei damit, dass das eigentliche Ziel der Verordnung nicht erreicht würde, dafür aber die Compliance-Anforderungen an die Banken stiegen und sich Ausweichbewegungen zu den weniger stark regulierten Marktakteuren einstellten.
Thomas Hartmann-Wendels, Direktor des Seminars für Allgemeine BWL und Bankbetriebslehre an der Universität zu Köln, widmete sich den möglichen methodisch begründeten Alternativen und Problemen einer Verwendung bankinterner Risikoparameter sowie den Fehlanreizen, denen sowohl die Ersteller der Ratings in den Banken als auch die Mitarbeiter der Bankenaufsicht ausgesetzt sind. Diese können jenseits der Datenprobleme dazu führen, dass Ausfallwahrscheinlichkeiten und Verlusterwartungen systematisch unterschätzt werden, so dass die Eigenkapitalunterlegung zu knapp ausfällt.
Carsten Burhop, Inhaber des Lehrstuhls für Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bonn, befasste sich in seinem Beitrag mit einem zentralen Aspekt der Forschungsdebatte zur Banken- und Finanzkrise von 1931, nämlich der These des Bankenversagens. Seine Analyse widmete sich etwaigen Organisationsdefiziten der Banken im Hinblick auf die Praxis der bankinternen Kreditwürdigkeitsprüfung, die er auf der Grundlage der Kreditlisten der Reichsbank sowie anhand eines Fallbeispiels zur systematischen Kreditbewertung der ADCA als einer der größten regionalen Geschäftsbanken während der Zwischenkriegszeit untersuchte. Zwar habe ein gut entwickeltes System der Kreditanalyse existiert, tatsächlich seien jedoch im Verlauf der 1920er Jahre Unzulänglichkeiten aufgetreten, die teils strukturell begründet waren, teils auf einem zunehmend lockeren Umgang mit den geltenden Kreditvergabestandards beruhten. In seinem Kommentar ergänzte Dieter Ziegler, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, dieses Bild durch das Beispiel einer zunehmend mangelhaften Praxis der Kreditwürdigkeitsprüfung einer der Berliner Großbanken. Ursache waren unter anderem Organisationsdefizite, dadurch bedingt, dass der Ausbau der internen Aufsicht mit der Expansion der Bank nicht Schritt hielt, aber auch die Problematik, dass die formalisierten Kreditvergabekriterien der Zentrale gegenüber den auf ihr persönliches Netzwerk und weiche Informationen vertrauenden Filialdirektoren versagten. Die Vorträge, Kommentare und Diskussionsbeiträge zeigten insgesamt, dass die Ausgestaltung und Ausfüllung externer wie interner Ratings als dynamischer Prozess zu begreifen sei, dessen Einfluss auf die verschiedenen Marktakteure differenziert betrachtet werden müsse.